Liegt Reizdarm in den Genen?

Reizdarm beim Genuss von Brot und Co – die Gene könnten schuld sein.

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Reizdarmpatienten leiden ständig unter Durchfall oder Verstopfung, ohne, dass der Arzt physisch einen Grund dafür finden könnte. Schwedische Forscher haben nun eine mögliche Ursache für die Beschwerden gefunden: Sie liegt in den Genen und erklärt nebenbei, warum es manchen Patienten bessergeht, wenn sie auf Kohlenhydrate verzichten. Erfahren Sie außerdem in der Bildergalerie, was Sie selbst gegen Reizdarm tun können.

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Das Reizdarmsyndrom, auch Irritial Bowl Syndrom genannt, ist keine Seltenheit. Rund jeder Zehnte leidet in westlichen Ländern darunter. Besonders belastend: Man findet keine organische Ursache für die Beschwerden. Oft werden Stress oder eine gestörte Darmflora als mögliche Erklärungen herangezogen. „Manche Betroffene verbinden ihre Symptome auch mit bestimmten Nahrungsmitteln, insbesondere Kohlehydraten“, erklärt Mauro D’Amato vom Karolinska Institut in Schweden.

Defekte Zuckerschere

Der Forscher hat mit seinen Kollegen noch eine Stelle ausgemacht, die zumindest bei einem Teil der Reizdarmpatienten als Erklärung für die Beschwerden dienen könnte: die Gene. Genauer, jene DNA, die den Bauplan für ein Enzym namens Sucrase-Isomaltase enthält. Diese Miniaturschere wird normalerweise in der Darmwand produziert und hilft dabei, Mehrfachzucker in ihre Bestandteile zu zerlegen.

Menschen mit einer Saccharose-Intoleranz produzieren diese kleine Schere nicht, sie können die Zucker nicht spalten und aufnehmen. Stattdessen fressen die Bakterien im Dickdarm die reichhaltige Nahrungsquelle. Die Folge: Bauchschmerzen, Krämpfe oder Durchfall. Genau die Beschwerden, die zumindest einem Teil der Reizdarm-Patienten bekannt vorkommen dürften.

Die reine Saccharose-Intoleranz ist ein seltenes Krankheitsbild. Denn es setzt voraus, dass beide Kopien des entsprechenden Gens defekt sind. Wesentlich häufiger gibt es eine defekte und eine funktionierende Variante des Gens. Betroffene produzieren dann zwar Sucrase-Isomaltase, aber nicht genügend – vor allem, wenn der Körper mit einer großen Ladung Kohlenhydrate konfrontiert wird.

Reizdarmpatienten doppelt so oft betroffen

Das aber genau diese Genkonstellation bei vielen Reizdarm-Patienten zu finden ist, entdeckten die schwedischen Wissenschaftler, als sie die über 1.800 Probanden genetisch scannten. Betroffene von Reizdarm wiesen annähernd doppelt so häufig den Gendefekt auf als die gesunde Vergleichsgruppe. Das würde auch erklären, warum sich Durchfall und Co. bei manchen Patienten bessern, wenn sie einen Bogen um Kohlenhydrate machen.

„Wir brauchen neue Studien, um diesen Ansatz besser zu erforschen“, erklärt D’Amato. Langfristig hoffen die Forscher, zumindest einem Teil der Reizdarm-Patienten so neue Therapieoptionen eröffnen zu können. Etwa, indem man durch eine Genanalyse feststellt, ob eine spezielle Diät ihre Beschwerden lindern könnte.

Stand: 29.12.2016
Autor:
Quelle: Henström M. et al.: Functional variants in the sucrase–isomaltase gene associate with increased risk of irritable bowel syndrome; Gut, Nov 2016, doi:10.1136/gutjnl-2016-312456