Osteopathie – Heilung oder Humbug?

Mit kundigen Griffen die Selbstheilungskräfte des Körpers mobilisieren.

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Mit kundigen Griffen die Selbstheilungskräfte des Körpers mobilisieren – ein solcher alternativmedizinischer Ansatz kommt bei Patienten gut an. Und so suchen immer mehr Menschen, mit zwickendem Kreuz oder anderen Zipperlein Hilfe beim Osteopathen. Mehr als fünf Millionen jährlich lassen sich jedes Jahr in Deutschland so behandeln. Aber kann die Osteopathie wirklich leisten, was sie verspricht?

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Osteopathie versteht sich als ganzheitlicher Heilansatz. Nur mithilfe seiner Hände spürt der Osteopath körperliche Funktionsstörungen auf und behandelt sie. Dabei lockert er blockierte Strukturen und gibt ihnen ihre natürliche Beweglichkeit zurück. So sollen die selbstregulierende Heilungskräfte des Körper freigesetzt werden.

Da alles im Köper über das Bindegewebe, auch Faszien genannt, miteinander in Kontakt steht, können Beschwerden sich auch weit vom Ursprungsort äußern, so die osteopathische Lehre. Verklebte und verfilzte Faszien sind dabei der Hauptansatzpunkt der manuellen Therapie durch den Osteopathen. Behandelt wird nicht nur der Bewegungsapparat, also Muskeln, Faszien und Skelett, sondern auch die Organe. Entsprechend vielfältig sind die Anwendungsbereiche der Osteopathie.

Schwieriger Wirksamkeitsnachweis

Allerdings steht im Hinblick auf die meisten Indikationen der wissenschaftliche Beleg noch aus, dass Osteopathie wirklich helfen kann.

Zwar gibt es durchaus Untersuchungen, die der Osteopathie Wirksamkeit in Hinblick auf verschiedene Indikationen bescheinigen. Beispielsweise zur Anwendung bei Reizdarm, bei chronischer Nasennebenhöhlenentzündung oder zu Problemen des unteren Harntrakts. Allerdings sind diese Studien häufig zu klein, oder methodisch nicht sauber genug, um einen echten wissenschaftlichen Beweis zu liefern. Einzig für die heilsame Wirkung bei Kreuzschmerzen ist die Studienlage inzwischen so umfassend, dass der Nachweis als erbracht gilt.

Dass wissenschaftliche Belege fehlen, ist indes kein Beweis, dass Osteopathie nicht helfen kann. So tun sich alternative Heilmethoden häufig schwer, ihre Wirksamkeit zu belegen. Zum einen fehlt oft die Finanzierung für groß angelegte Untersuchungen, denn mit alternativen Heilmethoden kann in der Regel kein Patent erworben werden, mit dem sich Geld verdienen lässt.

Zum anderen sind doppelblinde Studien, wie sie beispielsweise zur Zulassung neuer Medikamente vorgeschrieben sind, kaum durchzuführen. Denn dass sowohl der Behandler als auch der Patient nicht wissen, welcher Studienteilnehmer die richtige Behandlung und wer nur eine Scheinbehandlung erhält, lässt sich bei Methoden wie der Osteopathie nicht umsetzen.

Zufriedene Patienten

Für die Osteopathie spricht, dass die Patienten zum größten Teil mit dem Ergebnis zufrieden sind. Bei einer Umfrage der Stiftung Warentest aus dem Jahr 2013 gaben 88 Prozent der Teilnehmer an, mit der Behand­lung „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“ zu sein. Und das, obwohl die meisten zuvor wegen derselben Beschwerden bereits vergeblich einen schulmedizinisch arbeitenden Arzt konsultiert hatten. So sind viele bereit, die Kosten von rund 60 bis 150 Euro für eine osteopathische Sitzung ganz oder teilweise aus eigener Tasche zu bezahlen.

Einen nicht zu unterschätzenden Anteil an dem Erfolg dürfte haben, dass der Osteopath sich viel Zeit für die Patienten nimmt und sich in sie einfühlt. Allein die intensive Zuwendung in Kombination mit den Berührungen kann bereits eine heilsame Wirkung entfalten.

Letztendlich bleibt es Menschen mit gesundheitlichen Problemen nur übrig, selbst auszuprobieren, ob der Osteopath ihnen helfen kann. In dem Fall sollten sich die Beschwerden bereits nach wenigen Sitzungen deutlich verbessern. Sonst ist fraglich, ob die Therapie geeignet ist.

Grenzen und Möglichkeiten von Osteopathie

Vor dem Gang zum Osteopathen ist eine schulmedizinische Diagnose sinnvoll. Nur so kann festgestellt werden, ob beispielsweise eine medikamentöse Therapie notwendig ist. Ohnehin müssen Notfälle und akute, schwere Erkrankungen immer zuallererst schulmedizinisch behandelt werden. Dazu zählen Knochenbrüche, Entzündungen, Infektionen, schwere seelische Erkrankungen und Krebserleiden. Begleitend kann aber auch hier eine osteopathische Behandlung sinnvoll sein.

 Anwendungsgebiete der Osteopathie sind beispielsweise:

  • Gelenk-, Muskel- und Sehnenbeschwerden
  • Bandscheibenprobleme und andere Rückenschmerzen
  • Kopf- und Nackenschmerzen
  • Sportverletzungen
  • Funktionelle Verdauungsstörungen wie Reizdarm, Blähbauch, Sodbrennen
  • Menstruationsbeschwerden
  • Beschwerden nach Unterleibsoperationen oder Entbindung
  • Blasen- und Harnwegsprobleme
  • Herz- und Kreislauferkrankungen
  • Ohrgeräusche (Tinnitus), Hörsturz und Schwindel,
  • Chronische Stirn- und Nasennebenhöhlenentzündungen

Eine Frage der Ausbildung

Wichtig ist, sich vorab zu informieren, wie gut der jeweilige Osteopath ausgebildet ist. Zwar dürfen hierzulande nur Ärzte und Heilpraktiker mit entsprechender Zusatzausbildung uneingeschränkt als Osteopathen arbeiten, beziehungsweise Physiotherapeuten auf Verordnung eines Arztes hin. Auch ist die Ausbildung in der Regel lang. Sie sollte vier bis fünf Jahre dauern und nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Osteopathie mindestens 1350 Unterrichtseinheiten umfassen.

Doch solche Standards sind bislang nicht vorgeschrieben. Es gibt bislang kein einheitliches Berufsgesetz, keine einheitliche Ausbildung oder Prüfungsordnung und somit keine standardisierte Qualitätsanforderungen an die behandelnden Therapeuten.

Listen mit Therapeuten, die eine anerkannte Ausbildung durchlaufen haben, finden Sie auf den Internetseiten der Deutschen Ärzte Gesellschaft für Osteopathie (DÄGO) e. V. und des Verbandes der Osteopathen Deutschland (VOD) e. V.

Stand: 01.03.2017
Autor:

Quellen:

  • Verbande der Osteopathen Deutschland, www.osteopathie.de
  • Deutschen Ärzte Gesellschaft für Osteopathie, www.daego.de
  • Institut für osteopathische Studien, www.iniost.de