Ritalin - Hirndoping für alle?

Verbessern Pillen die mentale Leistung?

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Hellwach, konzentriert, extrem aufnahmefähig – Methylphenidat, das in Deutschland vor allem unter dem Namen Ritalin bekannt ist, schlucken längst nicht nur Kinder mit ADHS. Medikamente nehmen auch gesunde Schüler, Studenten und Manager. Sie hoffen, mithilfe der rezeptpflichtigen Pillen leistungsfähiger zu werden. „Hirndoping“ heißt es, wenn gesunde Menschen zu Drogen greifen, um mental in Schwung zu kommen. Wie gefährlich Ritalin und Co. sind, weiß bislang niemand.

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Kinder und Erwachsen mit einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) sind hyperaktiv und können sich schlecht konzentrieren. Entsprechend schwerer fallen ihnen auch die Schule und der Beruf. Abhilfe schaffen kann der Wirkstoff Methylphenidat, der in Medikamenten wie Ritalin & Co. steckt. Doch auch Gesunde lockt die Aussicht, mithilfe der chemischen Stimulanzien ihr Gehirn zu tunen. Zum Beispiel Schüler und Studenten, die in Prüfungszeiten hoffen, mit Ritalin länger und konzentrierter lernen zu können. Auch gestresste Berufstätige glauben, dank der Pillen noch mehr Arbeit in kürzerer Zeit von ihren Schreibtischen schaufeln zu können.

Methylphenidat greift direkt im Gehirn an. Es senkt den Spiegel des Botenstoffs Dopamin, und damit die Reaktion auf Impulse. Wer Ritalin schluckt, ist fokussierter, braucht weniger Schlaf und verspürt weniger Hunger und Durst.

Drei Millionen dopen ihr Hirn mit Ritalin und Co.

Eine Studie an der Universität Mainz im Januar 2013 ergab, dass jeder fünfte Studierende in Deutschland missbräuchlich leistungssteigernde Mittel nimmt. Neben Methylphenidat sind das auch Modafinil und Amphetamine. Ein DAK-Report aus im Jahr 2015 zeigt, das deutschlandweit knapp drei Millionen Deutsch verschreibungspflichte Medikamente nutzen, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein. Das sind deutlich mehr als noch vor sechs Jahren, von 4,7 auf 6,7 Prozent. Die Dunkelziffer liegt aber noch deutlich höher, glauben die Experten bei der DAK.

Ungewisses Suchtpotenzial

Der teilweise sorglose Umgang mit Ritalin und ähnlichen Substanzen ruft Kritiker auf den Plan. Zum einen, weil Methylphenidat unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Einerseits gibt es keine konkreten Belege dafür, dass der Stoff tatsächlich süchtig macht. Andererseits berichten Menschen, welche die Droge missbräuchlich einnehmen, sie bräuchten immer höhere Dosen, um das gleiche Resultat zu erzielen – ein deutlicher Hinweis auf Suchtgefahr. Manch einer schnupft Ritalin sogar wie Kokain, damit die Wirkung schneller und stärker eintritt. Viele Anwender fallen zudem in ein Loch aus Erschöpfung und Unruhe, wenn die Wirkung nachlässt – und das lässt sie schnell zur nächsten Pille greifen.

Kurz- und Langzeitnebenwirkungen

Wer als Gesunder solche Pillen schluckt, sollte an die Nebenwirkungen denken. Bei Ritalin sind das kurzfristige Appetitlosigkeit, Bauch- und Kopfschmerzen sowie Schlaflosigkeit. Aber auch schwerere Nebenwirkungen bei Ritalin-Missbrauch wie Herzrasen, Herzrhythmusstörungen und Wahnvorstellungen wurden vereinzelt beobachtet.

Zudem ist die Langzeitwirkung der Hirnpillen noch längst nicht ausreichend erforscht. Manche Anwender berichten sogar, dass der Stoff ihren Charakter verändert. Die chemische Unterdrückung der Impulse durch Ritalin und Co. bedeutet eben auch, dass man andere Interessen aus den Augen zu verliert, zum Beispiel sich mit Freunden zu treffen oder spontan einen Spaziergang zu machen. Die starke Fokussierung führt dazu, dass der Sinn für das Schöne jenseits der gestellten Aufgaben verloren geht.

Hirndoping nur für Privilegierte?

Abgesehen von den möglichen gesundheitlichen Folgen gibt es auch ethische Bedenken gegen Ritalin und ähnliche Substanzen. Wird die Möglichkeit zum (nicht ganz billigen) Hirndoping jenen einen zusätzlichen Vorteil verschaffen, die ohnehin privilegiert sind? Wird durch die Verfügbarkeit solcher Medikamente der Druck, noch mehr zu leisten, zusätzlich steigen?

Ganz anders sahen das Forscher, die sich bereits im Jahr 2008 im renommierten Fachmagazin Nature zu dem Thema geäußert haben. Die Autoren fordern, die Wirkung mentaler Aufputschmittel an Gesunden zu erforschen und die Pillen zur Leistungssteigerung für alle zugänglich zu machen. Sie schreiben: "Kognitives Enhancement hat dem Einzelnen und der Gesellschaft viel zu bieten."

Nicht mehr Wirkung als Koffein

Ob die heute verfügbaren Mittel bei gesunden Menschen tatsächlich so wirksam sind, wie viele glauben, ist fraglich. Zwar gibt es in einschlägigen Foren reihenweise Berichte euphorischer Anwender - doch wissenschaftliche Untersuchungen zeichnen ein eher ernüchterndes Bild. Unter kontrollierten Bedingungen entfalteten Ritalin & Co. im Vergleich zu Placebo bei gesunden Teilnehmern zwar durchaus eine konzentrationssteigernde Wirkung – allerdings war diese nicht stärker als bei einer starken Tasse Kaffee.

Stand: 08.12.2016
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Quellen:

  • Henry Greely1, Barbara Sahakian2, John Harris3, Ronald C. Kessler4, Michael Gazzaniga5, Philip Campbell6 & Martha J. Farah7; Towards responsible use of cognitive-enhancing drugs by the healthy, Nature 456, 702-705 (11 December 2008) | doi:10.1038/456702a; Published online 10 December 2008
  • Pavel Dietz: Randomized Response Estimates for the 12-Month Prevalence of Cognitive-Enhancing Drug Use in University Students, Volume 33, Issue 1, pages 44–50, January 2013, DOI: 10.1002/phar.1166
  • DAK-Gesundheitsreport 2015
  • Der steuerbare Mensch? Über Einblicke und Eingriffe in unser Gehirn, Vorträge der Jahrestagung des Deutschen Ethikrates 2009