Mythos oder Fakt: Wechseljahre beim Mann?


So verändert sich die Hormonproduktion bei Männern.

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Die Wechseljahre des Mannes werden hoch gehandelt: Teure Hormonpräparate gegen Lustlosigkeit und Leistungsschwäche nimmt so mancher Mann um seinem Körper wieder auf die Sprünge zu helfen. Ob der Testosteronwert wirklich im Keller ist, wird dabei oft nicht überprüft. Und was würde man dabei feststellen? Experten geben jetzt eine eindeutige Antwort darauf.

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Bekannt ist das Phänomen der Wechseljahre bei Frauen. Bei ihnen stellen in den Wechseljahren die Eierstöcke langsam die Östrogenproduktion ein. Das ist der natürliche Lauf der Dinge, und jede Frau hat mehr oder weniger unter diesem hormonellen Umbruch zu leiden. Da liegt der Gedanke nahe, dass auch bei Männern altersbedingt die Hormone abnehmen. Zumal viele ältere Männer „im Bett“, aber auch sonst - über Lustlosigkeit und Leistungsschwäche klagen. Solche Beschwerden würden ins Bild männlicher Wechseljahre passen. Längst gibt es auch einen wissenschaftlichen Begriff für das partielles Androgendefizit beim alternden Mann, kurz PADAM.

PADAM: Adams angebliche Wechseljahre

Aber gibt es diese männlichen Wechseljahre wirklich? Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) sagt ganz klar: Nein. Fakt ist, dass auch beim männlichen Geschlecht die Produktion der Sexualhormone, von denen Testosteron das Wichtigste ist, zurückgeht. Aber das geschieht nicht plötzlich - so um die fünfzig - wie bei den Frauen und ist auch nicht mit Hormonschwankungen verbunden, die für viele der typischen weiblichen Wechseljahresbeschwerden verantwortlich sind.

Beim Mann geht die Testosteronproduktion langsam zurück. Dieser schleichende Prozess beginnt bei einigen bereits um in den Zwanzigern. Stetig geht es abwärts, sodass zum Zeitpunkt der angeblichen Wechseljahre - im Vergleich zu jungen Jahren - nur noch rund 50 Prozent der männlichen Sexualhormone vorhanden sind. Oft ist das so, aber keineswegs immer. Es gibt Männer, die sich auch im hohen Alter hormonell noch auf dem besten Stand befinden.

Schwache Potenz ab 11 Nanomol pro Liter

Eine britische Studie, in der mehr als 3.000 Männer im Alter zwischen 40 und 79 Jahren erfasst wurden, brachte Licht ins Dunkel um die männlichen Wechseljahre. Die Wissenschaftler überprüften, ob sich ein Zusammenhang zwischen Testosteronspiegel und „Wechseljahresbeschwerden“ feststellen ließ. Dies war ausschließlich für sexuelle Parameter der Fall: seltene morgendliche Erektionen, fehlender sexueller Appetit und Potenzstörungen.

Diese Anzeichen sexueller Lust- und Leistungsschwäche waren bei Testosteronwerten unter 11 Nanomol pro Liter besonders häufig zu finden, traten allerdings auch bei höheren Werten auf. An allgemeiner körperlicher Leistungsschwäche sowie depressiven Verstimmungen sind niedrige Testosteronspiegel dagegen laut der britischen Studie kaum ursächlich beteiligt. Es gibt Männer, die mit wenig Testosteron topfit sind, und es gibt Männer, die mit viel Testosteron kaum in die Gänge kommen.

Deshalb sollte eine Hormontherapie bei entsprechenden Beschwerden nur dann durchgeführt werden, wenn überprüft wurde, ob das Testosteron wirklich im Keller ist. Nur 3 bis 5 Prozent der deutschen Männer leiden laut der DGE wirklich unter einem behandlungsbedürftigen Testosteronmangel.

Einbußen im Alter

Andere Untersuchungen weisen in dieselbe Richtung: Hormonell bedingte Wechseljahre gibt es bei Männern nicht. Wenn Männer in die Jahre kommen und über allgemein verminderte Lust- und Leistungsfähigkeit beziehungsweise depressive Verstimmungen klagen, ist nicht das Testosteron schuld daran. Das Älterwerden ist mit Einbußen der körperlichen Leistungsfähigkeit verbunden, reaktiv kann es da auch schon mal zu Stimmungsschwankungen kommen. Das sind ganz natürliche Phänomene, dem man nicht mit Hormonpillen zu Leibe rücken muss. Sich in Gelassenheit zu üben und den Lauf der Dinge zu akzeptieren, ist dagegen ein gutes Rezept.

Stand: 09.06.2016
Autor: Ulrike Viegener

Quellen:

  • Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie: Wechseljahre des Mannes gibt es nicht: Altersbedingter Testosteronmangel betrifft nur wenige; (16.03.2015)
  • Frederick C.W. Wu et al. Identification of Late-Onset Hypogonadism in Middle-Aged and Elderly Men; N Engl J Med 2010; 363:123-135July 8, 2010DOI: 10.1056/NEJMoa0911101
  • Anti-Aging: FDA fordert Hinweis auf unklare kardiovaskuläre Risiken von Testosteron; Ärzteblatt (04.03.2015)