Irrwege der Verhütungsgeschichte

Casanovas Empfehlung: Eine ausgepresste Zitronenhälfte als Diaphragma über den Muttermund platziert, sollte ihn vor Vaterfreuden bewahren

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Sex bedenkenlos genießen, ohne Angst vor Schwangerschaft oder Geschlechtskrankheiten - das ist ein Luxus der Neuzeit. Denn nicht alle Methoden der Empfängnisverhütung waren so erfolgreich wie die Pille oder Kondome. An Fantasie mangelte es den Menschen bei Verhütungsfragen allerdings nie, wie folgende Beispiele beweisen.

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Tricks in grauer Vorzeit

Dank Inschriften auf Papyrus können Forscher belegen, dass sich schon die alten Ägypter mit der Verhütung auseinander gesetzt haben. Es sind verschiedene Rezepte überliefert, die eine Art Paste ergeben. Zutaten waren wahrscheinlich Harze oder Honig, aber auch kuriose Sachen wie Krokodils- oder Elefantendung. Wissenschaftler sind der Meinung, dass hier durchaus eine gewisse mechanische Schutzwirkung bestanden haben könnte.

Luftanhalten und Niesen

Auch die Griechen setzten um 100 vor Christus auf Öl, Honig und Zedernharz, als Salbe auf den Gebärmutterhals aufgetragen. Ergänzend dazu wurden aber auch Leibesübungen empfohlen. Zum Beispiel sollten Luftanhalten beim Samenerguss, erzwungenes Niesen oder bestimmte Beckenbewegungen vor einer Schwangerschaft schützen.

Zitrone als Diaphragma

Immer wieder kamen auch Scheidenschwämmchen zum Einsatz. Getränkt mit verschiedenen Substanzen, wie zum Beispiel Essig, wurde es vor dem Sex in die Vagina eingeführt und mithilfe eines kleinen Rückholbändchens danach wieder herausbefördert. Eine besondere Art der Barrierenmethode soll Casanova praktiziert haben: Eine halbe Zitrone, ausgepresst und vor dem Muttermund platziert sollte ihn vor Vaterfreuden bewahren. Könnte durchaus einen gewissen Schutz geboten haben, meinen Experten, zumal die Fruchtsäure leicht spermizide Wirkung hat. Als problematisch sehen sie allerdings die korrekte Platzierung und Größe der Fruchthälfte.

Frittierte Kaulquappen

Hochgradig gesundheitsschädlich dürfte ein Rezept gewesen sein, dass im alten China Anwendung fand: 16 Kaulquappen, in Quecksilber frittiert und dann oral verzehrt. Die Chinesen praktizierten allerdings noch eine andere Methode, den "Coitus reservatus". Durch das Training bestimmter Muskeln kann es gelingen, dass der Orgasmus beim Mann ohne Samenflüssigkeitsausstoß vonstattengeht. Ganz nebenbei, so der damalige Glaube, würde die "Essenz" in den Kopf des Mannes wandern und dort seinen Geist stärken.

Im Angesicht des Spermas

Einen Quantensprung für das Verständnis der Empfängnis - und damit deren Verhütung - wurde 1674 gemacht. Damals betrachtete der erste Mann Sperma unter einem Mikroskop: "Ich sah eine große Nummer lebender Kreaturen, manchmal mehr als tausend." Dies führte dazu, dass eine ganz neue Theorie zur Entstehung von neuem Leben entwickelt wurde. Kern dieser Annahme: Der Mann ist alleiniger Träger des neuen Lebens, der dieses in den Inkubator, also die Frau, einführt.

Abbruch!

Eine Methode, die logisch auf diese Entdeckung aufbaut, ist der schon den alten Griechen bekannte Coitus interruptus. Dabei wird der Beischlaf abrupt, vor dem Samenerguss, abgebrochen. Studien bescheinigen dieser Technik einen Pearl-Index von vier bis 18. Das heißt, von 100 Frauen, die ein Jahr lang verhüten, werden vier bis 18 schwanger. Im Vergleich: Bei der Pille liegt der Pearl-Index-Wert bei 0,1 bis 0,9.

Futteral für den Penis

Gerade in der Renaissance hatten die ersten Kondome Hochsaison. Besonders Schafsdarm und Fischblasen waren sehr beliebt. Versehen mit einem kleinen Schleifchen blieben sie an Ort und Stelle. Sie wurden auch wegen ihrer Schutzwirkung gegen fiese Geschlechtskrankheiten wie den Tripper geschätzt. Kopfschütteln löst heute der Umstand aus, dass diese Verhüterli immer wieder verwendet wurden und nicht nach einmaligem Gebrauch entsorgt.

Kuriose Ansätze der Neuzeit

Aber bizarr anmutende Verhütungsmethoden sind nicht in nur der grauen Vorzeit zu finden. Noch in den 1950iger Jahren nahm man eine Cola-Flasche zuhilfe. Einmal kräftig geschüttelt und als Scheidenspülung verwendet, sollte die braune Sprudellösung vor Schwangerschaft schützen. Studien konnten aber schnell belegen - das bringt nichts.

Trotzdem wird immer weiter geforscht. Und die Suche ist sehr aufwändig, denn ein neues Verhütungsmittel muss heute noch besser sein als die bereits bekannten. Auch nach Ansätzen für die Verhütung beim Mann wird gesucht: In den 1970ern stellte man zum Beispiel fest, dass Gossypol, ein Bestandteil aus der Baumwollpflanze, mit Enzymen die Samenfäden angreift und sie so unfruchtbar macht. Ein großer Versuch, an dem 8000 Männer in China teilnahmen, endete aber im Desaster. Zwar wirkte die Substanz, aber viel zu gut. Die Hälfte der Probanden war nach den Experimenten dauerhaft unfruchtbar.

Stand: 27.10.2015
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Quellen:

  • Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, www.muvs.org
  • Willilam H. Robertson: An illustrated History of Contraception; Taylor & Francis Ltd, 1990